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Holzlöffel mit Speisesalz

Bild: sommai / stock.adobe.com

Jod (oder Iod)

Noch in den 1970er Jahren sah man öfters alte Menschen mit einem Kropf (med. „Struma“). Häufigste Ursache einer solchen Vergrösserung der Schilddrüse ist Jodmangel. Die Einteilung reicht von Grad 0 (nur über Ultraschall feststellbar) bis Grad 3, einer mehr als faustgrossen Wucherung. Bei Föten oder Neugeborenen kann der Mangel zu „Kretinismus“ führen. Das ist eine schwere geistige Behinderung verbunden mit körperlichen Fehlbildungen.

In den Industrienationen ist diese Mangelkrankheit besiegt. Doch eine 2013 veröffentlichte Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen Unterversorgung mit Jod in der Schwangerschaft und verminderter Intelligenz der Kinder. Forscher der University of Surrey (Guildford, England) haben bei 1040 werdenden Müttern die Jodkonzentration im Urin untersucht. War der gemessene Wert niedrig, erzielten die Kinder acht Jahre später schlechtere Ergebnisse in einem Intelligenztest (vor allem verbal). Mit 9 waren ihre Lesefähigkeit und ihr Sprachverständnis weniger gut entwickelt. In England wird Salz im Gegensatz zur Schweiz kein Jod zugefügt.

Ehe diese Praxis bei uns eingeführt wurde (ab 1922), waren die schweren Mangelerscheinungen ein grosses Problem. Im 19. Jahrhundert hatten in Bergtälern bis zu 90 % der Einwohner einen Kropf. Mit 2 % war Kretinismus dort ebenfalls weit verbreitet. Erst dank jodiertem Speisesalz sind solche Mangelkrankheiten besiegt. Mehr als die Hälfte seines Bedarfs deckt der Schweizer über Jodsalz.

Offensichtlich war die Massnahme ein Erfolg. Für Menschen mit einer Jodunverträglichkeit ist sie jedoch eine Katastrophe. Davon betroffen seien immerhin rund 10 % der Bevölkerung. Bei ihnen löst zu viel Jod eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse aus. Mögliche Folgen sind Akne, erhöhter Blutdruck, Schlaflosigkeit, Schwitzen, Zittern, Angstzustände, Lichtempfindlichkeit, Haarausfall oder Darmstörungen. Einige Mediziner sehen zu hohe Jodmengen in der Nahrung als Ursache für Unfruchtbarkeit, Impotenz, Osteoporose, Rheuma, Diabetes sowie verschiedene Schilddrüsenkrankheiten wie Hashimoto, Morbus Basedow oder Hyperaktivität bei Kindern. Eine Überversorgung kann dieselben Symptome bei Personen ohne Iod-Unverträglichkeit auslösen (wovon manche zudem nicht einmal wissen).

Befürworter weisen darauf hin, dass jeder die freie Wahl habe (es besteht Deklarationspflicht). Für Jodallergiker ist es jedoch nicht damit getan, unjodiertes Salz zu kaufen. Sie begegnen zugesetztem Jod in fast allen Lebensmitteln. 75 % der Bäckereien (auch Grossbäckereien) verwenden zur Freude des BAG Jodsalz. Fertig- und Convenience-Produkte enthalten es teilweise. Über jodiertes Tierfutter und Salzlecksteine gelangt es in tierische Nahrungsmittel wie Butter, Eier, Fleisch oder Joghurt. Mineraldünger sorgt für Iod in Gemüse und Früchten. Den Leidtragenden hilft es also nicht viel, dass Käse heutzutage mit jodfreiem Salz hergestellt wird. Iod aus der Milch reicht für einige aus, um Beschwerden zu verursachen. In Medikamenten, Diätmitteln, Desinfektionsmitteln, Multivitaminpräparaten, Beruhigungs- und Schlafmitteln finden sich zum Teil ebenfalls Jod und Jodverbindungen.

Betroffene haben sich zum Selbsthilfeverein Krank-durch-Jod (KdJ) zusammengeschlossen. Sie sehen sich als Minderheit, die dem Allgemeinwohl geopfert wird. (Die Hinweise auf „Recht auf Leben“, das Verbot von Folter und Todesstrafe wirken bei allem Verständnis trotzdem übertrieben theatralisch.) Sie betrachten Iod im Salz als Zwangsmedikation, die gegen das Freiwilligkeitsprinzip verstösst.

Im Januar 2014 wurde die Jod-Konzentration im Speisesalz auf von 20 auf 25 µg je Kilogramm heraufgesetzt (bis 1998 waren es 15 µg). Zahlreiche Fachleute halten die Erhöhungen für unnötig. Eine Zunahme von Mangelerscheinungen wie Kröpfen habe es nicht gegeben. Der Nutzen von mehr Jod sei medizinisch nicht belegt. Andere weisen darauf hin, dass ein Anstieg der Krankheiten zu verzeichnen ist, die mit zu viel Jod in der Ernährung in Zusammenhang gebracht werden. Einer der bekanntesten deutschen Kritiker, Prof. Dr. med. Jürgen Hengstmann, betont zudem, dass die Pharmaindustrie in Deutschland solche Massnahmen fördere. Sie verdient an Patienten, die beispielsweise an Morbus Hashimoto leiden. Die Erkrankten müssen lebenslänglich Schilddrüsen-Hormon-Präparate einnehmen (und natürlich jodhaltige Lebensmittel meiden).

Das BAG hingegen führt durchaus nachvollziehbare Gründe für Erhöhungen ins Feld. In den 90er Jahren war die durchschnittliche Versorgung deutlich unter den von der WHO festgesetzten Mindestwert gesunken. Bei den folgenden Untersuchungen bis 2004 war sie wieder ausreichend. Bereits 2009 zeigte sich erneut ein Abwärtstrend. Gerade stillende Mütter und ihre Säuglinge erreichten nicht mehr den von der WHO geschätzten Tagesbedarf. Die Ergebnisse der Messungen aus 2015 werden 2017 veröffentlicht. Die Fluor- und Jodkommission wird darauf basierend ihre Empfehlung abgeben (im Jahresbericht 2016 bezeichnet sie die Alimentation von Schulkindern als genügend, die von Frauen als grenzwertig niedrig).

Diese sinkende Jodversorgung erklärt sich nur zu einem kleinen Teil mit einer salzarmeren Ernährung. Hauptursache ist die Nahrungsmittelindustrie, die aus Exportgründen zunehmend auf Jodsalz verzichtet. In Frankreich beispielsweise ist es in Fertigprodukten verboten. In anderen Ländern werden andere Jodverbindungen verwendet, und es existieren unterschiedliche Höchstgrenzen.

Die Befürworter betonen, dass in der Schweiz dem Speisesalz weniger Jod zugefügt werde als anderswo. Schilddrüsenexperten hielten die Jodkonzentration im Tafelsalz für absolut unbedenklich.

Darüber scheiden sich die Geister.

Die SEG setzt für Jugendliche und Erwachsene einen Tagesbedarf von 150 µg fest, für Schwangere und Stillende 200 µg (250 µg gemäss BLV). Trotz D-A-CH: Die Empfehlungen in Deutschland und Österreich sind deutlich höher. Der Höchstwert nach SEG liegt bei 1 mg Jod täglich. Das deutsche Bundesamt für Risikobewertung bezeichnet die Hälfte als sicher (500 µg). Weitere Werte sind im Umlauf.

Für den Einzelnen ist es schwierig, ungefähr abzuschätzen, wie viel Jod er tatsächlich zu sich nimmt. Die entsprechenden Angaben in den Nährwerttabellen sind reine Durchschnittswerte. Gerade bei diesem Mineralstoff kann es in pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln sehr grosse Abweichungen geben.

Vor allem Meerfische wie Dorsch sind besonders jodhaltig. In getrockneten Algen finden die verschiedenen kantonalen Labore immer wieder zu viel Jod. In der Schweiz gibt es zwar keinen gesetzlichen Höchstwert, doch sogenannte „Beurteilungswerte“. Im Kanton Bern wurden 2016 insgesamt 3 von 28 Proben deshalb beanstandet und vom Markt genommen.

Jod-Gehalt einiger Nahrungsmittel je 100 g verzehrbarer Anteil:
Lebensmittel Jod-Gehalt in µg
Quelle: Schweizer Nährwertdatenbank (sofern verfügbar), sonst Bundeslebensmittelschlüssel (D); Daten auf Plausibilität geprüft anhand verschiedener Quellen (u.a. GU Nährwert-Kalorien-Tabelle)
Rindfleisch (exkl. Innereien, Rippensteak), roh 1,6
Vollmilch (UHT) 9,4
Parmesan 40,0
Tilsiter, pasteurisiert, vollfett 7,2
Brie, halbfett 23,0
Hühnerei, ganz, roh 32,0
Weizenkeime 0,2
Vollkornknäckebrot 41,0
Vollkornbrot 1,9
Weissbrot 0,8
Laugengipfeli 100,0
Bierhefe, getrocknet 4,0
Dorsch, Filet, gedämpft (ohne Zusatz von Fett und Salz) 180,0
Miesmuschel, roh 130,0
Seehecht, roh 120,0
Fischstäbchen (paniert und vorfrittiert) im Ofen gebacken 100,0
Seezunge, roh 25,0
Apfel, ungeschält, roh 0,8
Banane, roh 2,0
Kichererbsen, getrocknet, roh 0,6
Sojabohnen, getrocknet 6,3
Tofu 10
Blumenkohl, roh 0,6
Bohnen, grün, roh 3,0
Kartoffel, geschält, roh 4,0
Champignons, roh 18,0
Steinpilz, roh 3,6
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