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Zahnpasta mit Fluorid auf Zahnbürste aufgetragen

Bild: Apart Foto / stock.adobe.com

Fluorid / Fluor

Fluorid ist ein nicht essentielles Spurenelement. Das heisst, wir brauchen es nicht zum Überleben. Es stärkt den Zahnschmelz, hilft Zahnschäden zu reparieren und wirkt antibiotisch. Einzige Mangelerscheinung ist eine höhere Anfälligkeit für Karies.

Am besten wirke das Mineral bei einer täglichen Aufnahme von 30 bis 40 µg pro Kilogramm Körpergewicht. Darauf beruhen die D-A-CH-Referenzwerte, die für Erwachsene ab 19 Jahren 3,8 mg (m) bzw. 3,1 mg (w) betragen. Mit einer einigermassen vernünftigen Ernährung ist das allerdings nicht zu schaffen, allenfalls mit sehr fluoridreichen Mineralwassern.

Zwar ist es im Wasser und nahezu jedem Lebensmittel enthalten, aber nur in Mengen im Mikrogramm-Bereich. Die Beispiele der SGE im Fluorid-Foliensatz sprechen Bände: Ein erwachsener Mann müsste 3,5 kg rohe Flunder, 4,8 kg Haferflocken oder 6,3 kg vollfetten Emmentaler verzehren, um den Tagesbedarf zu decken. Oder 15 g fluoridiertes Speisesalz. Gleichzeitig warnen WHO und die Ernährungsgesellschaften (auch die SGE) vor einem Salzkonsum, der 5 g am Tag überschreitet. Durchschnittlich nehmen wir aus allen Quellen zusammen derzeit ca. 10 g am Tag zu uns, doch nur einen kleinen Teil davon durch direktes Salzen (geschätzt nur ca. 2 g). Etwa 80 % der Schweizer verwenden mit Fluorid angereichertes Speisesalz.

In dieser Hinsicht spielte die Schweiz eine Vorreiterrolle. Als erstes Land der Welt führte sie „Fluorvollsalz“ (mit Jod) ein, zunächst 1955 im Kanton Zürich. 1986 folgte Frankreich. Die Mehrheit der Fachleute sieht in der Fluoridierung den oder zumindest einen wesentlichen Grund für den massiven Rückgang der Karies in den letzten Jahrzehnten (rund 90 % weniger).

Unumstritten ist die Praxis freilich nicht, sind die Belege für die Wirksamkeit letztlich nur statistischer Natur. Ebenso wichtig (und nach der Meinung anderer Experten ausreichend) ist die Benutzung fluorhaltiger Zahnpasta, ergänzt durch Zahnspülungen etc. Auch Befürworter erklären, dass Fluorid vor allem lokal auf die Zahnoberfläche wirkt.

Als offiziell unbedenkliche Tagesdosis gilt laut EFSA eine tägliche Gesamtzufuhrmenge von 0,1 mg je Kilogramm Körpergewicht. Eine „akute Überdosierung“ mit mehr als 1 mg/kg erzeugt Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Chronische Überdosierung ab 10 mg täglich über mindestens 10 Jahre hinweg kann zu Skelettfluorose mit Gelenkschmerzen und -versteifungen bis hin zu einem gesteigerten Risiko für Knochenbrüche führen. In den ersten 8 Lebensjahren verursacht eine chronische Überdosierung weissliche oder braune Zahnverfärbungen (Zahnfluorose).

Die DGE (deutsche Gesellschaft für Ernährung) rät, ab einem Trinkwassergehalt von über 0,7 mg pro Liter auf fluoridiertes Salz (und Fluortabletten) zu verzichten. Insgesamt betrachtet die grosse Mehrheit der Fachleute die Verwendung des Fluorsalzes als empfehlenswert und risikolos. Überdosierungen sind eigentlich nur möglich durch sehr fluorhaltiges Mineralwasser (es gibt Marken mit bis zu 3 mg pro Liter; ab 1,5 mg muss es bei uns entsprechend gekennzeichnet sein).

In der Schweiz ist die Anreicherung nur bei Salz gestattet. Fluortabletten dürfen ausschliesslich von Ärzten verordnet werden, und Nahrungsergänzungsmittel mit Fluor sind nicht erhältlich. Trinkwasser wird weder hier noch in Deutschland Fluorid zugefügt – bei uns geschah das ausschliesslich im Kanton Basel-Stadt zwischen 1962 und 2003. Es wurde schliesslich aufgegeben, weil mit fluoridiertem Kochsalz eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung gewährleistet sei.

Die Gegner des Fluors umfassen das ganze Spektrum von vernünftiger Kritik bis hin zu paranoider Verschwörungstheorie. Teilweise wird die Wirksamkeit von Fluorid gegen Karies abgestritten und / oder ein Zusammenhang behauptet zwischen der Aufnahme und zahlreichen Krankheiten wie Diabetes, Krebs, Chromosomenveränderungen und einer Senkung des Intelligenzquotienten. Die Argumente beruhen teils auf Untersuchungen mit sehr hohen Dosierungen, in denen Fluorid tatsächlich Zellen schädigen kann. Die Vorwürfe sind nicht schlüssig belegt (und lassen sich letztlich so einfach nicht beweisen).

Im Netz dominieren eindeutig die Verschwörungstheoretiker. Ihrer Logik zu folgen ist mitunter schwierig, weil sie sich wie immer häufig selbst widersprechen. Beispielsweise verneinen manche Autoren die positive Wirkung von Fluorid und kritisieren zugleich, dass die Zuckerindustrie zu den Förderern der Fluoridierung gehöre. Letzteres entspricht zwar der Wahrheit, doch diese Unternehmen vertreiben Produkte, die erwiesenermassen schlecht sind für die Zahngesundheit. Durch Fluoridierung erhoffen sie sich simpel eine Minimierung solcher Schäden und somit weniger Umsatzeinbussen.

Im Übrigen basiert die „Beweisführung“ der Gegner auch im deutschsprachigen Raum oft auf der Anreicherung des Trinkwassers. Das geschieht unter anderem in den USA, ist in Europa aber nur in Irland und Teilen Englands üblich. So sei Fluorid ein Abfallprodukt zahlreicher industrieller Prozesse, das bloss aus wirtschaftlichen Gründen dem Wasser (oder dem Salz) beigemengt werde. Die Volksgesundheit werde diesen ökonomischen Interessen untergeordnet, obschon die Schädlichkeit erwiesen sei (ist sie eben nicht). Als wäre das nicht schon schlimm genug, unterstellen einige Autoren den Regierungen böse Absicht. Fluorid, das beruhigende Wirkung habe, führe dazu, dass Menschen verdummten und / oder eher Autoritäten akzeptierten. Die Bevölkerung werde so willfähriger gemacht. Meist beziehen sich solche Texte dann auf Nazis, in manchen Varianten zusätzlich auf die Sowjets. Russische Agenten hätten im Kalten Krieg die Fluoridzusätze im Westen eingefädelt, um die Bewohner zu verblöden (da hätten die Kommunisten den feindlichen Regierungen schön in die Hände gespielt).

Wie immer werden reichlich Quellen genannt in solchen Artikeln. Die sind jedoch entweder unseriös, falsch zitiert, nicht verstanden oder aus dem Zusammenhang gerissen.

Das alles stimmt zugleich etwas traurig. Einerseits, weil offensichtlich viele Menschen diese unbewiesenen Behauptungen einfach übernehmen, ohne sich über fehlende Logik und die Widersprüche zu wundern. Hauptsache, es kommt nicht von den bösen, von „oben“ gesteuerten traditionellen Medien. Andererseits, und das ist bedeutend wichtiger, geht möglicherweise berechtigte Kritik in dieser Masse an Falschinformation und Halbwahrheiten unter.

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