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Vegan-Hype (modische junge Frau mit Ananas)

Bild: rohappy / stock.adobe.com

Vegan-Hype

In der ländlichen Gegend in Bern, wo ich wohne, ist wenig davon zu bemerken. Hier mangelt es der überwiegenden Mehrheit nach wie vor an Verständnis für den veganen Lebensstil. Andernorts jedoch sei ein „Vegan-Trend“ zu verzeichnen. Noch nie hätte es so viele Veganer gegeben wie heute.

Eine im Auftrag von Swissveg durch Demascope durchgeführte repräsentative Studie ermittelt 3 % Veganer in der Schweizer Bevölkerung (11 % Vegetarier). Für Vegetarier- und Veganer-Verbände ist das ein Grund zum Feiern.

Mich persönlich macht die Zahl stutzig; in mehrfacher Hinsicht. Zum Beispiel hätte Hillary Clinton laut unzähliger Meinungsumfragen die Wahl gewinnen sollen. Ich zweifle nicht an der Seriosität von Demascope, sondern an der Ehrlichkeit der Auskünfte.

Dazu passend kommt eine repräsentative Umfrage des Forschungsinstituts GfK für Proviande im Dezember 2016 zu einem anderen Ergebnis: 96 % aller Schweizer essen Fleisch. Die restlichen 4 % sind Pescetarier, Vegetarier und Veganer zusammengenommen.

Woher der Unterschied? Natürlich kenne ich die Antwort nicht, befürchte jedoch, dass er in der Fragestellung liegt. Der Fleischverband wollte nämlich wissen, wie oft jemand Fleisch verzehrt. 70 % konsumieren es demnach mindestens drei bis viermal wöchentlich. Mindestens.

Dabei ist der Pro-Kopf-Konsum 2016 tatsächlich leicht gesunken, von 51,49 kg 2015 auf 50,98 kg 2016. Insgesamt waren das 431’760 Tonnen. Proviande weist zu Recht auf die Zunahme des Einkaufstourismus‘ hin. Glaubt man den Medienberichten, hält das Wachstum unverändert an. Der Spiegel nennt in einem Artikel die Zahl von 17,6 Millionen Ausfuhrkassenzetteln für das Jahr 2015, ausgestellt von den Hauptzollämtern Singen und Lörrach. Die Schätzungen, wie viel Fleisch im Ausland eingekauft wird, gehen bis 10 kg pro Person, Tendenz steigend, trotz Verzollung. Ausserdem gibt es ja die grüne Grenze ...

Wenn immer mehr Leute weniger oder gar kein Fleisch verzehren, müsste sich das eigentlich deutlicher auf die Verbrauchszahlen auswirken.

Ich befürchte, gerade wegen der anderen Fragestellung, dass die Proviande-Umfrage eher die Wahrheit widerspiegelt. Doch nehmen wir einmal an, sehr hypothetisch, sie wäre falsch. Natürlich müsste man den nahezu gleich hohen Fleischverbrauch damit erklären, dass manche Mischköstler aus Trotzreaktion das Verlorene ausgleichen. Und sagen wir, noch hypothetischer, alle Interviewten der Swissveg-Umfrage hätten ehrlich geantwortet und legen nicht einfach mal ab und zu einen „veganen Tag“ ein. Selbst dann bliebe ich skeptisch.

In Medienberichten ist fast ausnahmslos von veganer Ernährung die Rede. Sind diese 3 % nun Veganer, die ganz auf tierische Produkte verzichten wie Leder, Daunenkissen, diverse Parfüms usw.? Oder sind es strenge Vegetarier? Überzeugt bin ich nicht, dass alle „Veganer“ aus der Umfrage den Unterschied hätten erklären können.

In Zeitungsberichten und TV-Reportagen wird Veganismus oft als eine Art Modeerscheinung beschrieben, als „Lifestyle“, als ein Weg, sich von anderen Gruppen abzugrenzen. Man will die eigene Identität oder Sinn finden. Ernährungspsychologen verwenden auch harte Wörter wie „Selbstinszenierung“. Zum Teil sei es eine reine Mode-Erscheinung.

Nun, ich kenne keinen einzigen dieser Lifestyle-Veganer, dafür welche, denen es tatsächlich um Tierwohl und Umweltschutz geht. Sie sind es nicht geworden, weil es gerade „in“ ist, sondern aus innerer Überzeugung. Sie werden Veganer bleiben, wenn die Ernährungsform „out“ sein wird. Die Mehrzahl der Umfrage-Veganer ebenfalls?

Falls es wirklich viele „Hipster-Veganer“ geben sollte, entsteht daraus möglicherweise ein Problem. Informieren sie sich ausreichend über Nährstoffe und Nahrungsmittel? Haben sie eine Ahnung, was sie zur Erhaltung der Gesundheit brauchen? Oder lassen sie einfach die tierischen Produkte weg und essen wie bisher? In ein paar Jahren könnten leider Fälle von solchen mangelernährten Veganern diese sinnvolle Ernährungsweise in ein falsches Licht rücken.

Nein, für mich sind die Swissveg-Resultate noch kein Grund zur Freude. Es hat aber sehr wohl sein Gutes: Die Detailhändler haben Veganer als Kunden entdeckt, bieten mehr geeignete und vor allem besser gekennzeichnete Lebensmittel an.

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